OH-P Forum


Dr. Michael John, Institut für Sozial- u. Wirtschaftsgeschichte, Universität Linz

Auschwitz - Mauthausen - Bindermichl - New York:
Stationen eines Lebensweges


Marianne Rojiczek wurde in Berlin geboren. Ihr Vater war katholisch, die Mutter nach der Diktion der Nürnberger Gesetze eine ´Rassejüdin´. Sie wuchs vorerst unbehelligt in Berlin auf, bis der Vater verstarb. Drei Jahre später starb auch die Mutter eines natürlichen Todes. Marianne, noch ein Kind, wurde abgeholt und in ein Waisenhaus für Juden gesteckt. Schließlich lösten die Nationalsozialisten das Waisenhaus auf. Man schrieb das Jahr 1942. Eine Odyssee begann.1

Quer durch Europa nach Mauthausen

Marianne wollte sich an das Geschehene nicht erinnern. Sie hat es verdrängt, fast fünfzig Jahre nicht darüber gesprochen. Das ging soweit, daß sie auch ihre Muttersprache vergaß. Schließlich wollte sie sich aber mit dieser Kindheit und Jugendzeit konfrontieren und ging an die Stätten ihrer Vergangenheit zurück. Mit der Topographie kam auch die Erinnerung wieder, zumindest teilweise, bruchstückhaft. Als sie zu erzählen begann, sprach sie Englisch, doch dann besann sie sich und versuchte es auf Deutsch: mühsam zuerst, doch es klappte: "Man hat mich abgeholt, zusammen mit anderen Kindern. Ich habe, glaube ich, schon die Gefahr verspürt: Denn ich habe einem verantwortlichen SS- Offizier gesagt, daß doch mein Vater katholisch sei und ich glaube, das hat mir das Leben gerettet. Er hat mich nicht nach Auschwitz geschickt, wie alle anderen, sondern nach Theresienstadt. Dort war ein Vor­zeigelager und es war nicht so schlimm, ja ich habe eigentlich nicht bemerkt und nicht begriffen, was vorgeht - jeden Tag sind Transporte mit Juden wieder von Theresienstadt weggegangen. Nach Auschwitz. Schließlich bin ich auch mit einem Transport dorthin gebracht worden."

"In Auschwitz hat man mich selektiert und ich habe große Angst gehabt. Aber man hat mich zur Arbeit ausgesucht. Nun ich habe dort gearbeitet und nach einigen Monaten - ich weiß nicht mehr wann genau, man verlor doch jedes Zeitgefühl - kam ich nach Freiberg bei Dresden. In ein Lager, wir mußten in einer Flugzeugfabrik Zwangsarbeit leisten." In einem Viehwaggon wurde sie schleißlich Anfang Februar 1945 nach Mauthausen gebracht: "Dort war es schrecklich, es war wieder ein richtiges Konzentrationslager, dauernd sind Leute gestorben und getötet worden. Ich kann mich aber sehr schlecht erinnern. Ich wurde auch krank, war völlig abgemagert und total geschwächt. Ich glaube ich wäre dort gestorben. Was dann passiert ist, hat man mir erzählt. Das Lager wurde von den Amerikanern befreit und ich bin halb bewußtlos oder bewußtlos im Dreck gelegen. Ich war sehr schwach. Aber ich hatte blonde Haare und lange Beine. Und wie die Amerikaner und die Häflingsfunktionäre, also die politisch aktiven Häftlinge, die den organisierten Widerstand im Lager gebildet haben durch die Unterkünfte und das ganze Lager gegangen sind, haben sie mich entdeckt und ein junger polnischer Sanitäter hat sich gedacht: ´Nein, dieses Mädchen darf nicht sterben.´ Die Sanitäter haben mich dann genommen und mich zum Arzt und mit dem Wagen in ein Spital gebracht. Dort hat man mich wieder aufgepäppelt."

Die letzte Zeit in Mauthausen dürfte Marianne tatsächlich nicht verdrängt haben, auch wenn sie es gewollt hätte: sie war krank, dämmerte vor sich hin. Tatsächlich waren, wie die Akten es ausweisen, die letzten Wochen der NS- Herrschaft in Mauthausen durch ein Massensterben charakterisiert. Am 1. März 1945 wurde die Häftlingsnummer 135.043 ausgegeben. Dazu kommen nicht registrierte Häftlinge, allein im April 1945 20.000 jüdische Gefangene. Tausende verhungerten in diesen Wochen, sterben an Krankheit, werden wie die flüchtenden sowjetischen Gefangenen bei der Flucht erschlagen oder wie ein irtümlich nach Mauthausen geleiteter Transport von Zigeunerkindern brutal umgebracht. Allein von 21. bis 25. April werden von der SS 1.441 Häftlinge durch Zyklon- B Gas getötet, weiters sollten noch 3.000 sogenannte ´Alte und Körperschwache´ getötet werden, von denen tatsächlich ´nur´ 1.819 Personen betroffen waren.2 Als die Amerikaner am 7. Mai eintrafen, waren sie völlig entsetzt. Es existiert eine ganze Reihe von Briefen und Reflexionen schwer geschockter Amerikaner. Ein Soldat namens Fred Friendly schrieb an seine Mutter:

"A letter from Mauthausen. Dear mother......This was no movie, no printed page. Your son saw this with his own eyes. I saw cremated bodies in piles like chords of wood. The stench of death, of decomposition of human flesh, of uncontrolled body fluids, of burned, charred bones. I saw the living skeletons, some of whom regardless of our medical corps will die, will die and be in piles like that in the next few days. Malnutrition doesn´t stop the day that food is administered....Mother I walked thru countless cell blocks filled with sick, dying people - 300 in a room twice the size of our living room and as we walked in - there was a ripple of applause and then an inspiring burst of applause and cheers, and men who could not stand up, sat up and whispered though they tried to shout it - Vive l´Americansky. Those faces of men with legs the size and shape of ropes with ulcerated bodies, weeping with a kind of joy you and I will never, I hope know. Vive l´Americansky."3

Abb. 1) Massensterben in Gunskirchen, Oberösterreich. Photographie vom 6.Mai, In den letzten Tagen der NS- Herrschaft verhungerten (oder wurden getötet) dort pro Tag 200 - 300 Juden. (National Archives Washington, Photographs, No. 204.479)

Abb. 2) Am zweiten Tag der Befreiung Mauthausens. Die 11.Division der 3. US- Armee rückt am 6. Mai 1945 in das Lager ein. (National Archives Washington, Photographs, No. 206.395)

Abb. 3) Untersuchung eines schwer unterernährten KZ- Insassen, der in das Militär­hospital Neubau bei Linz transferiert wird.(National Archives Washington, Photographs, No. 266.571)

Tatsächlich war durch das Eintreffen der Amerikaner die Situation nicht mit einem Schlag bereinigt. Nur langsam und schrittweise konnte man der Situation Herr werden, Kranke behandeln, Tote in Massengräber legen, die Seuchengefahr bekämpfen, die Befreiten versorgen. Mit ansehen mußte man noch, wie etwa 2.000 bereits völlig entkräftete und kranke Häftlinge nach der Befreiung starben. In ganz Oberösterreich wurden bei Kriegsende 80.000 Insassen von Konzentrationslagern befreit, davon starben in den ersten Wochen nach der Befreiung mehr als 12.000 an den erlittenen gesundheitlichen Schäden, infolge mangelnder gesundheitlicher Versorgung oder mangels entsprechender Ernährung.4 Diese Todesfälle traten ein, obgleich die Amerikaner spezielle medizinische Einrichtungen für die KZ- Opfer eingerichtet hatte, z.B. das Militärhospital in Neubau bei Hörsching, ebenso wie in Mauthausen selbst. Jerzy Kunkel, der junge Sanitäter, der Marianne rettete, leistete ebenso wie andere ehemalige Insassen, freiwilligen Sanitätsdienst im US- Hospital in Mauthausen, bevor er nach Warschau zurückkehrte.

Als Displaced Person am Bindermichl

"Also - und ich glaube - das kann man verstehen, Linz war wunderschön für mich, auch wenn die Verhältnisse damals nicht so gut waren - aber nach Theresienstadt, Auschwitz und Mauthausen, war es einfach schön." erinnert sich Marianne. "Es ist mir gut gegangen, zusammen mit einem Mädchen namens Susanne hatte ich ein Zimmer in diesem D.P. - Block am Bindermichl. Vorher waren wir woanders untergebracht, ich weiß nicht mehr wo. Aber hier am Bindermichl war es okay. Nachdem ich mich erholt habe, war ich ein hübsches junges Mädchen und alle waren zu mir freundlich, schien es mir. Ich hatte mich außerdem verliebt. Das Lager war bewacht, es konnte uns nichts passieren. Die Aufräumungsarbeiten wurden von gefangenen SS- Männern erledigt, aber auf die hat das Militär aufgepaßt. Die Verwaltung hat alles getan um uns zu helfen. Mit den Einheimischen hatten wir keinen Kontakt, oder kaum. In die Stadt sind wir öfter hineingefahren. Wie? Mit dem Bus oder der Straßenbahn nicht, da war nichts, aber es war dennoch kein Problem. Man konnte Hitchhiken (Autostoppen), kein Problem auf einem Jeep mitfahren zu können. Ich habe mich nur so fortbewegt. Ich bin auch mehrmals mit dem Jeep zu Ausflügen mitgefahren, wir waren im Salzkammergut, zum Beispiel in Gmunden. Zu Essen gab es nicht so viel, aber für mich war damals alles recht."

Abb.4) Einweihung des jüdischen Bethauses im DP- Lager Bindermichl, Dezember 1945 (Privatbesitz)

Abb.5) Demonstration für das Recht auf Auswanderung nach Palästina, DP- Lager Bindermichl, November 1945 (Privatbesitz)

Abb. 6) DP- Lager Bindermichl, Der Bürgermeister des Lagers und der Gemeindeälteste 1947, (Stadtmuseum Nordico)

Abb. 7) DP- Lager Bindermichl, Ehemalige SS- Männer bei Aufräumarbeiten, Oktober 1945 (Privatbesitz)

"Es waren am Bindermichl viele Amerikaner und das Verhältnis zu ihnen war sehr gut." Eine besonders enge Verbindung gab es zur 83. Infanterie Division, in der eine Reihe jüdischer Offiziere diente. Im ´Thunderbolt´ (Donnerkeil) der Wochenzeitung der 83. Division wurde wiederholt über das Lager berichtet: "Where homeless Jews find new life, security." (Wo heimatlose Juden neues Leben und Sicherheit finden) Anläßlich des Besuchs einer Delegation hoher Militärangehöriger stellte der Advisor on Jewish Affairs (Militärberater in Angelegenheiten der Juden fest): "...that physical conditions at Bindermichl supply every opportunity for normal living. He added that he was proud to be an American because of the aid given to the Jews..." (Die Gegebenheiten in Bindermichl geben jedwede Möglichkeiten für einen normalen Lebensstil. Er sei stolz Amerikaner zu sein, weil sie den Juden diese Hilfe zukommen lassen.) Eine besondere Rolle bei der religiösen Betreuung der D.P.s hatte der Militärrabbiner der 83. Infanteriedivision, Aaron Kahan. Er betreute nicht nur die ehemals in den Konzentrationslagern festgehaltenen Juden, sondern auch jene D.P.s, die aus Osteuropa gekommen waren.5 Kahan war hochdekorierter Offizier der U.S.-Army, er erhielt einen Army Commandation Ribbon (eine militärische Ehrung) für seine Arbeit mit den D.P.s in Linz.6

Weit fort - nach Amerika

"In dem ganzen Camp wollten die meisten Leute nur eines, sie wollten weg, weg aus Europa", erzählt Marianne: "So war es auch bei mir. Ich habe nie daran gedacht, in Deutschland oder Österreich zu bleiben. Wir waren alle wirklich sehr erbittert, über das was geschehen war. Ich habe im Camp Englisch- Kurse besucht und habe alles Wissenswerte über die U.S.A. in mich aufgesaugt. Denn ich wollte dorthin und als D.P. in Camp Bindermichl konnte man sich anmelden, um auszuwandern. Ich habe auch kulturelle Veranstaltungen besucht, Bücher gelesen, alles Mögliche. Ich war also noch über den Winter dort, es war ein sehr strenger Winter. Und ich war froh, als ich auf den Transport gekommen bin, wir sind mit dem Schiff hingebracht worden. 1946 war ich schon in New York. Und ich wollte das alles, was hinter mir gelegen ist vergessen, die Konzentrationslager, die Nazis, alles. Ich habe mich amerikanisiert, bin eine hundertprozentige Amerikanerin geworden und habe meine Sprache vergessen. Ich habe das beiseite gedrängt und wollte ein neues Leben führen." Marianne heiratete schließlich in New York Chaplain Aaron Kahan, den sie im Camp Binderbichl kennengelernt hatte.

Am Ende des Gesprächs hat sich das Deutsch von Marianne ziemlich verändert. In nur kurzer Zeit ist es um sehr viel besser geworden. Und als wir in Bindermichl den Block suchen, in dem sie untergebracht war, hat sie einige Schwierigkeiten sich auf Englisch zu verständigen. Wir suchen das U.N.N.R.A.- Büro, den Bäckerladen und die genaue Stiege, wo sie gewohnt hat. Marianne wurde von zwei Söhnen begleitet, sehr amerikanischen jungen Männern, die mittlerweile zu uns gestoßen sind. Sie sind in New York aufgewachsen, inmitten des amerikanischen Melting Pots, des amerikanischen Schmelztiegels und sie haben Schwierigkeiten, die Geschichte zu verstehen. Als wir durch die Blocks spazieren, sie erfahren, daß diese Häuser Hitlerbauten genannt werden, daß in der Stadt und in ihrer Umgebung Zwangsarbeiter, Häftlinge, Kriegsgefangene und KZ- Insassen festgehalten wurden und ihre Mutter eine davon war, merkt man deutlich, daß sie Probleme haben dies hier und heute zu realisieren. "Unbelievable", murmelt der eine. Und das ist es irgendwie auch, unvorstellbar.....

Erschienen in: Prinzip Hoffnung. Linz zwischen Befreiung und Freiheit, Linz 1995,
S. 293 - 298

Michael John: Auschwitz - Mauthausen - Bindermichl - New York.
Vom Konzentrationslager zur Displaced Person. Ein Ausschnitt aus einem Lebensbild.

© Michael John


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